6. G8-Unterricht / Ganztags-Unterricht

Das überdurchschnittlich hohe Alter deutscher Abiturienten im internationalen Vergleich und die fast in allen Bundesländern – zum Teil unter großen Protesten vollzogene Umstellung auf ein 8-jähriges Gymnasium – veranlasste das Land Rheinland-Pfalz über neue gymnasiale Strukturen nachzudenken. Dabei dürften die Analysen der Erfahrungen anderer Bundesländer ausschlaggebend dafür gewesen sein, in Rheinland-Pfalz einen bundesweit einmaligen Sonderweg zu beschreiten.

Für Eltern, die sich eingehender mit diesem Thema im direkten Bezug zum Gymnasium Nackenheim beschäftigen wollen, empfehlen wir die Ausarbeitung “Ein neuer pädagogischer Weg mit Zukunft” von unserer ehemaligen Schulleiterin Frau Lerch (MdL) ( G8GTS Aufsatz Frau Lerch ).

Gliederung

  1. Die Umstrukturierung der gymnasialen Bildung von G9 zu G8
  2. Der rheinland-pfälzische Weg

2.1   Die Orientierungsstufe
· Stundentafel
· Ganztagsschule (AG, Förderkurse, Lernzeiten)

2.2   Die Mittelstufe
· 7. Jahrgangsstufe
· 8. Jahrgangsstufe
· 9. Jahrgangsstufe

2.3    Die Oberstufe

  1. Mittagessen in der Ganztagsschule
  2. Lehrpläne in G8
  3. Arbeitsbedingungen
  4. Von G8 zu G9 – oder der Weg zurück?

 

Für Eltern, die sich nur auszugsweise oder schnell über das Wesentliche informieren wollen, finden Sie im folgenden die 10 am häufigsten gestellten Fragen möglichst kurz beantwortet.

 

Kurz und bündig – die 10 häufigsten Fragen

6.1. Was unterscheidet ein G8-Ganztagsgymnasium von einem Halbtagsgymnasium?

G8-Ganztagsgymnasium bedeutet, dass zu dem Pflichtunterricht, der für alle weiterführenden Schulen vorgeschrieben ist, noch weitere Stunden hinzukommen, in denen geübt und vertieft wird, in denen Klassenarbeiten vorbereitet werden und in denen auch Zeit für Bewegung, Entspannung und für Arbeitsgemeinschaften ist. Der Pflichtunterricht und diese zusätzlichen Stunden – deren Anzahl zwischen den Jahrgangsstufen variiert –  werden auf den Vormittag und auf den Nachmittag sinnvoll verteilt.

6.2. Welche Vorteile hat ein G8-Ganztagsgymnasium?

  • das Lernen wird neu organisiert
  • den Bedürfnissen der Kinder kann eher entsprochen werden; die Schule wird zum zentralen Ort des Lernens und des sozialen Miteinanders
  • Hausaufgaben entfallen weitestgehend, weil in der Schule Zeit zum
    Üben und Vertiefen ist (u.a. in den Lernzeiten)
  • mehr Chancengleichheit für Kinder aus allen sozialen Schichten
  • Entlastung der Eltern und Stärkung des Familienlebens durch das
    Wegfallen von Hausaufgaben
  • Entlastung für berufstätige Eltern durch verlässliche Unterrichtszeiten  bis in den Nachmittag
  • schulische Bildung und Erziehung folgen einem eher ganzheitlichen
    Ansatz
  • intensivere Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Möglichkeiten der gezielten Förderung von Schwächen und Stärken
  • individuellere Förderung der Kinder durch Zusatzangebote
  • Entwicklung von Teamfähigkeit
  • Entwicklung von sozialer Kompetenz
  • mehr Wahlmöglichkeiten durch die Einführung eines Wahlpflichtfaches  in Klasse 8. Jeder Schüler wählt gegen Ende des siebten Schuljahres ein  so genanntes „Wahlpflichtfach“ für die achte und neunte  Jahrgangsstufe. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei die Wahl  zwischen Spanisch, Informatik, Kultur und Naturwissenschaften (auch „NaWi“ abgekürzt), einer Kombination aus Biologie, Chemie und Physik.
  • die Oberstufe umfasst volle drei Jahre, die Stundenzahl in den
    Leistungskursen wird erhöht (im Vergleich zur MSS von G9 Schulen)
  • mehr Chancengleichheit für Schüler und Schülerinnen, die von anderen Schulen nach dem qualifizierten Sekundarabschluss in ein Gymnasium wechseln

6.3. Die Kinder können sich doch nicht den ganzen Tag konzentrieren und lernen!

Das stimmt!

Deswegen wird der Schulalltag in einem Ganztagsgymnasium anders strukturiert. Lern- und Arbeitsphasen wechseln sich mit Übungszeiten, Entspannung, Sport, Spiel und Bewegung ab. Soweit aus schulorganisatorischen Gründen möglich, unterrichtet eine möglichst kleine Gruppe von Lehrkräften mit einer hohen Stundenzahl in einer G8 – Klasse. Dies bedeutet eine intensive Betreuung der Kinder und lässt Spielraum für Phasen der Entspannung und Bewegung.

6.4. Bedeutet eine verkürzte Schulzeit nicht eine größere Belastung und weniger Bildung?

Nein, für eine verpflichtende Ganztagsschule stimmt das keineswegs!

Die Schülerinnen und Schüler haben auch in einem Ganztagsgymnasium eine vorgeschriebene Anzahl an Pflichtunterricht – wie an allen anderen weiterführenden Schulen unseres Landes auch.

Im Pflichtstundenbereich gibt es für die G8-Gymnasien lediglich eine Neuerung: Ab Klasse 8 müssen sich die Schülerinnen und Schüler für ein Wahlpflichtfach (3. Fremdsprache, Informatik, Kultur oder Naturwissenschaften) entscheiden. Auch diese Vorgabe erachten wir als einen sinnvollen Schritt der rheinland-pfälzischen Bildungspolitik, weil damit das gymnasiale Profil gestärkt und gleichzeitig den unterschiedlichen Interessen und Begabungen der Kinder Rechnung getragen wird.

Da die Oberstufe auf einem G8 – Gymnasium bereits ab der 10. Klassenstufe beginnt, umfasst sie volle drei Jahre – ein halbes Jahr mehr als bei G9. Somit können die Oberstufenschülerinnen und -schüler intensiver auf ihr Abitur vorbereitet werden – dies widerspricht der gängigen Meinung des Turbo-Abiturs vehement! Einen weiteren Pluspunkt stellt die Aufstockung der Leistungskurs-Wochenstunden dar.

Kinder, die an einem G8 – Gymnasium in Rheinland-Pfalz das Abitur ablegen, haben als Folge des verpflichtenden Ganztagsbetriebs und der Neuorganisation des Lernens insgesamt deutlich mehr Unterricht und mehr lehrerbetreute Übungszeiten als Kinder, die an einem G9-Gymnasium unterrichtet werden! Zudem werden die Lehrpläne aller Fächer für die G8-Gymnasien überarbeitet und damit der 12-jährigen Schulzeit angepasst. Dies geschieht vor allem durch eine Umstrukturierung der Lerninhalte und eine stärker exemplarische Arbeit.

6.5. Wie sieht ein Stundenplan in G8GTG aus?

Durch die Kultusministerkonferenz (KMK) wurde die Pflichtstundenzahl in den Klassenstufen 5 und 6 auf 30 Wochenstunden festgelegt. Dies entspricht der gleichen Zahl an Wochenstunden wie an G9 Gymnasien. Umfang und Qualität der Bildung unterscheiden sich nicht.

Damit wird der besonderen Funktion der Orientierungsstufe Rechnung getragen und die Durchlässigkeit gewährleistet. Wenn sich Eltern dafür entscheiden, am Ende der 6. Jahrgangsstufe von G9 auf G8GTS zu wechseln, stellt dies – genau wie der umgekehrte Weg – kein Problem dar.

Abb. 2 Musterstundenplan Klasse 6

Stundenplan Klasse6

Quelle: Gymnasium Nackenheim

Schülerinnen und Schüler, die die Orientierungsstufe eines G8-Gymnasiums im Ganztag durchlaufen, haben optimale Voraussetzungen die Mittelstufe organisatorisch ohne Umstellungsprobleme zu bewältigen. In der Mittelstufe als „Herzstück“ von G8GTS finden sich all jene Elemente wieder, die die Ganztagsschule ausmachen. Wer bereits gelernt hat mit Lernzeiten, „EVA“, AGs, Förderkursen und Mittagessen jenseits der häuslichen Verpflegung umzugehen, für den ist der Eintritt in die 7. Jahrgangsstufe kein Bruch, sondern selbstverständliche Fortsetzung bereits verinnerlichter Strukturen.

6.6. Was sind Lernzeiten?

Lernzeiten sind zentrale Bestandteile des G8GTS-Konzeptes. Sie ermöglichen das Vertiefen und Üben von Unterrichtsstoff und verhindern, dass nach Schulende (gegen ca. 16.00 Uhr) noch schriftliche Hausaufgaben erledigt werden müssen. Lernzeiten werden an die Hauptfächer gekoppelt, d.h., dass es zur vorgegebenen Pflichtstundenzahl in Deutsch, Englisch, Französisch / Latein (ab Klassenstufe 6) und Mathematik jeweils eine weitere Stunde Lernzeit gibt. Zur Erledigung von Aufgaben in den Nebenfächern gibt es eine weitere Zeiteinheit „Lernzeit Nebenfächer“ oder bei uns „EVA“ (= Eigenverantwortliches Arbeiten) bereits ab Klasse 5. Diese EVA-Stunden erlauben den Schülerinnen und Schülern im Nebenfachbereich sich nach Wichtigkeit und Dringlichkeit der zu erledigenden Aufgaben selbst zu organisieren.

Dass dies bei einem Teil der Kinder nicht problemlos gelingt, liegt auf der Hand. Quasi per Klingelzeichen auf stilles, konzentriertes Arbeiten umzuschalten, bereitet vielen Probleme. Ausweichverhalten, Verzögerungen, Diskussionen bis hin zur Arbeitsverweigerung sind durchaus alltägliche Herausforderungen für „EVA“-Lehrerinnen und -Lehrer.
Im Gegensatz zu den Lernzeiten der Hauptfächer, die idealerweise vom Hauptfachlehrer selbst betreut werden, wird „EVA“ von einer beliebigen Lehrkraft, im Idealfall dem/der KlassenlehrerIn, der Klasse unterrichtet.

Am Gymnasium Nackenheim begegnet man den geschilderten Herausforderungen, indem man bereits mit Beginn der 1. Schulwoche der 5. Jahrgangsstufe das Projekt „Lernen lernen“ verpflichtend anbietet. Statt einer 4. AG-Stunde, die stundenplantechnisch möglich wäre, bietet „Lernen Lernen“ die Chance, strukturiertes Lern- und Arbeitsverhalten von Anbeginn zu üben und zu verfestigen. Im Rahmen der Klassenleiterstunde wird dazu ergänzend das Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler mit Hilfe eines standardisierten Trainingsprogrammes geschult. Auf dieser Grundlage werden die Arbeitsabläufe in „EVA“-Stunden erleichtert und intensiviert. Zusätzlich erhält jede Schülerin und jeder Schüler eine gedruckte Handreichung zu „EVA“, in der er wichtige Organisationsbausteine nachlesen kann. Diese enthält auch Informationen für die Hand der Eltern, denn für viele ist das pädagogische Konzept von G8GTS neu.

Um die Lernzeiten und „EVA“-Stunden für jeden Einzelnen möglichst effektiv zu gestalten, werden die Lerngruppen geteilt, die von einer Lehrkraft und einer GTS-Kraft unterrichtet bzw. betreut werden.

Eine zentrale Frage, die sich alle G8GTS-Gymnasien von Anbeginn stellen mussten, war die Frage, wie zum einen die „EVA“-Fachkraft und zum anderen die Eltern über die Aufgaben in der Ganztagsschule Kenntnis erlangen. Hierzu wurde auf einen sogenannten Lernbegleiter zurückgegriffen, der im Wesentlichen mit einem „Hausaufgabenheft“ zu vergleichen ist, aber im Aufbau auf die besonderen Bedürfnisse jeder Schule zugeschnitten ist. Auch das geordnete und vor allem regelmäßige und lesbare Führen des Lernbegleiters stellt immer wieder – vor allem in den ersten Monaten – eine pädagogische Herausforderung dar.

6.7. Muss mein Kind, wenn es am späten Nachmittag nach Hause kommt, noch Hausaufgaben machen?

Nein!

Gemäß der ministeriellen Richtlinie zur Umsetzung der Lehrpläne für G8GTG-Schulen entfallen in einer Ganztagsschule die traditionellen Hausaufgaben. Das Lernen findet grundsätzlich im Unterricht und in den Lernzeiten, also in der Schule, statt. Wir halten diesen Aspekt für einen ganz entscheidenden Vorteil einer verpflichtenden Ganztagsschule!

6.8. Wo bewahren die Kinder die Bücher und Unterrichtsmaterialien auf?

Die Schulbücher, Hefte und alle sonstigen Materialien sollen grundsätzlich in der Schule bleiben. Die Klassenräume sind dementsprechend mit Regalen und Schränken ausgestattet; außerdem haben alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit ein Schließfach zu mieten. Am Wochenende oder vor Klassenarbeiten können selbstverständlich die Unterrichtmaterialien auch mit nach Hause genommen werden. Damit entfallen auch die berechtigten Klagen der Eltern über zu schwere Schulranzen der Kinder.

6.9. Wie wird das Mittagessen organisiert?

Sehen Sie hierzu bitte die ausführlichen Informationen unter “7. Mensa”.

6.10. Was bedeutet eine Ganztagsschule für uns Eltern?

Auch für Eltern erfordert eine Ganztagsschule Umdenken und eine veränderte Haltung zu Schule und zum Lernen ihres Kindes. Zunächst einmal setzt die Anmeldung des eigenen Kindes an einem G8-Ganztagsgymnasium eine Auseinandersetzung mit dem G8-Konzept und Vertrauen in diese Schulreform voraus. Eltern müssen bereit sein, die Lernprozesse ihrer Kinder ausgebildeten Pädagogen zu überlassen. Da Bücher und Materialien in der Schule bleiben und die Kinder zu Hause keine Hausaufgaben erledigen, entfallen die Kontrollmöglichkeiten der Eltern weitestgehend. Dies bedeutet Loslassen, Gelassenheit, Vertrauen in die Schule und erfordert neue Wege der Kommunikation zwischen Eltern und Schule. Bei Informationsveranstaltungen, Elternabenden, in individuellen Gesprächen und über den Lernbegleiter werden die Eltern über schulische Inhalte, den Lernfortschritt ihres Kindes und einzelne Probleme informiert.

 

 

 

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